20100731

Essay zur Techno Geschichte

Jobkrise, aber auch Freiräume für eine neue Musik
In den achtziger Jahren musste die amerikanische Metropole Detroit einen weitreichenden Niedergang der Autoindustrie verkraften. Auch in Großbritannien gab es, in Städten wie Sheffield (aus dieser Stadt stammten schon die elektronischen Vorboten Heaven 17, Human League und Cabaret Voltaire) und Manchester, ein durch die Krise in der Montanindustrie ausgelöstes Fabrikensterben. In der Folge der wirtschaftlichen Umbrüche wurden viele Arbeiter beschäftigungslos und es herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen. Für einige Heranwachsenden wurde die Jobkrise zum Auslöser für kreative Aktivitäten und gestalterisches Schaffen. Die alten, nicht mehr benötigten Fabrikgelände dienten dabei oftmals als günstiges Quartier für ideenreiche Unternehmungen, oder wurden als Unterschlupf für Partys genutzt.

Zum Output der Kreativität wurde des Sheffielder Warp-Label mit Gruppen wie Nightmares On Wax und LFO - Bleep House war geboren - im Juli 1990 sogar mit einem Charterfolg für LFO (Cover Flyer von der The Designers Republic). Die Acid-House-Bewegung wurd immer größer und populärer und immer mehr Menschen wurden in Großbritannien von Raves in den alten, sonst leer stehenden Fabrikhallen angezogen (siehe Fantazia Rave Archiv). Doch die etablierten Medien wie die BBC verweigerten sich der neuen Musikrichtung. Zu viele Drogen seien im Spiel hieß es und die Partyveranstaltungen, die die neue Musik spielten, seien nicht immer von den Behörden genehmigt. Illegale Radiostationen entstanden und sorgten für die Durchsetzung des neuen Sounds bei der Jugend. Auch auf Ibiza war der neue Sound längst angekommen und wurde durch einen massentauglichen House-Sound ersetzt. Junge englische Urlauber nahmen die neue Musik auf und es dauerte nicht lange, bis Manchester zur kreativen House-Hochburg wurde. 1989 war dann endgültig das Geburtsjahr der Techno-Musik: Paul Oakenfold und viele andere Kreative formten aus Italo- und Chicago-House, Detroit-Techno, Rave, New-Beat, Acid, Ibiza-Dance und vielen anderen Musikstilen eine elektronische Musik namens Techno. Auch in den Niederlanden (siehe z.B. Fierce Ruling Diva ) und in vielen anderen europäischen Ländern boomte der neue Sound.

Deutschland feiert seinen eigenen Stil
Natürlich gab es auch in Deutschland in den achtziger Jahren einen jobvernichtenden Strukturwandel. Doch die leer stehenden Fabrikhallen wurden nur selten als Partylocation genutzt. Stattdessen setzte sich ein anderer Trend durch: Großraumdiskotheken. Diese entstanden überwiegend auf der grünen Wiese, in leerstehende Gewerbehallen oder Discotheken-Neubauten. Ein Trend der über den Teich kam. Wie in den USA schaufelte man auch hier Städter und Umlandbewohner auf die, mit ausreichend Parkplätzen gesegnete, „grüne Wiese“. „Erlebnisgastronomie“ war das neue konzeptionelle Zauberwort für die Großraumdiskotheken. Nicht mehr die Musik und das tanzen von Disco-Fox, sondern die vielfältige Unterhaltung, das „Event“, sollten die Massen anziehen. Mit immer aufwendigeren Laser-Shows, immer mehr Tanzflächen und anderen Vergnügungsstationen wie Swimming-Pool und Kino, wuchsen die neuen Vergnügungstempel, wie z.B. das Extra in Koblenz und das Easy in Diez, auf immer mehr Quadratmeter. Auch in diesen neuartigen Disco-Tempeln wurde ab und an Acid gespielt – doch als massentauglicher Sound konnte sich dieser exzentrische Musikstil nicht durchsetzen. Im Untergrund reifte derweilen eine neue elektronische Musikrichtung, die geprägt durch Acid, Rave, House, Dance und EBM-Einflüsse langsam um die Welt schwappte: Techno.

Techno entstand als eine neue elektronische Musikrichtung, die überwiegend durch musikalische Einflüsse aus Detroit („Detroit-Techno“) und Chicago („Chicago-House“) und dem EBM-geprägten Belgien („New Beat“) zu etwas eigenständigen heranreifte. Insbesondere bei experimentierfreudigen Protagonisten in Berlin und Frankfurt/M. stieß der neue Sound auf offene Ohren. In Berlin fiel 1989 die Mauer und in allgemeiner Feierlaune, Neugier auf Ost und West und massenhaft leerstehenden Locations und beruflichen Freiräumen kam die kreative Feiermusik wie gerufen. Insbesondere der 1989 eröffnete Vinyl orientierte Hardwax-Plattenladen war Einkaufsstätte der DJ´s und beförderte Trends, wie Detroit-Techno, in Berlin. Ein weiterer Multiplikator war die Radiosendung DT 64 mit Marusha, die einen eigenständigen Techno-Musikstyle im Osten Deutschlands etablierte. Das Motto vieler Berliner DJ´s indessen hieß "härter immer härter", d.h. ein harter bassorientierter Techno wurde zum Synonym für die Berliner Techno-Partys.

Techno-Metropole Frankfurt am Main
Auf der anderen Seite Frankfurt am Main. Als Gerd Schüler und Michael Preisinger am 8. November 1978 das Dorian Gray im Frankfurter Flughafen eröffneten, deutete noch nicht alzuviel darauf hin, dass dieser Club "Die Mutter aller Großraumdiskotheken" und die Keimzelle für eine neue weltumspannende Musikbewegung werden würde. Mit der Eröffnung folgte das Gray seinem 1977 in New York eröffneten Vorbild „Studio 54“ einem wahren Tempel für eine hedonistische und extatische Disco-Bewegung. Bis dahin waren "Großraumdiskotheken" in Europa in dieser Form nicht bekannt. Auch wenn es die erste Discothek bereits 1959 in Deutschland gab - vieles spielte sich in kleinen Clubs und "Tanzsälen" ab. Es gab noch keine Gewerbegebiete mit "Fachmärkten" o.ä., die als Unterschlupf für eine Großraumdiskothek dienen konnten. Für die Macher war es also ein Glücksfall, dass die riesigen Mietflächen des Frankfurter Flughafens auch Platz für diese gigantische Form einer Disco boten. Zudem sprachen noch weitere Vorteile für diesen Standort: Ein quasi kosmopolitischer, per Flieger erreichbarer Partyort und das Fehlen einer Sperrstunde - die es zu dieser Zeit noch in der Frankfurter City gab.

Eine Großraumdiskothek wie das Dorian Gray bot die Möglichkeit eines völlig neuen Diskotheken-Konzeptes: Ein großer Saal für Mainstream-Musik und weitere Tanzflächen für musikalische Nischen. So konnte der Musik-Geschmack auf kleinere Einheiten herunter gebrochen werden. Gerade in diesen Nischen bot sich für die DJ´s die Möglichkeit neues auszuprobieren, zu experimentieren und die Musik in neue Kategorien einzuteilen. Begünstigt durch diese Entwicklung bildete sich Mitte bis Ende der achtziger Jahre ein breites Spektrum für Clubmusik die Einflüsse der belgischen New Beat Bewegung (Patrick de Meyer, Fonny de Wulf, Frank de Wulf), Chicago-House, Detroit-Techno, Acid uvm. schnell aufsaugte.

Technische Innovationen für elektronische Musik
Gleichzeitig verbesserten sich, Mitte der achtziger bis Ende der achtiger Jahre, die technischen Möglichkeiten für die Produktion elektronischer Musik. Immer neue innovative Bands, insbesondere aus dem EBM-Bereich, traten aus dem Untergrund auf und wurden einem breiten Publikum bekannt. Das Dorian Gray erschuf durch seinen Protagonisten Talla 2 xlc mit "Techno" bereits 1984 den neuen Musik-Begriff und etablierte erstmals einen Club im Club - den "Technoclub" im Dorian Gray. Das "Gray" wurde nun schnell zum Mekka eines noch relativ kleinen Publikums das sich für elektronische Musik begeisterte. Gleichzeitig wurde die Nachfrage nach tanzbarer elektronischer Musik immer größer - doch der Musikmarkt dafür noch relativ klein. Die Protagonisten der elektronischen Musik - zumeist DJ´s und Musikproduzenten - schufen daher ihre eigenen Musiklabels für diese Musik. Zudem konnte im Rhein-Main-Gebiet ein eigener europaweit erfolgreicher Sound kreiert werden der "Sound of Frankfurt", der sich in Clubs wie die Frankfurter Music Hall schnell verbreitete.

Die Erfinder von SNAP Luca Anzilotti und Michael Münzing uva. profitierten dabei von den im Rhein-Main-Gebiet stationierten GI´s, die mit ihren musikalischen Können zu Bandmitgliedern in den Dance-Formationen wurden. Michael Münzing gehörte jedoch nicht nur zu den Machern von SNAP, sondern war auch Mitbesitzer des Omens. Mit DJ Sven Väth etablierte er mit dem Omen einen techno-orientierten Club, der Weltberühmtheit erlangte.

Verbreitung eines einheitlicher Sounds in Frankfurt
Wie konnte sich in einem Gebiet zwischen Koblenz und Mannheim ein einheitlicher Sound herausbilden - in einer Zeit in der es noch keine Online-Medien, Foren und Communitys o.ä. gab? Mitte Mai 1990 erschuf HR 3 die Radio-DJ-Sendung "HR 3 Clubnight". Damit gaben die Macher eine Antwort auf die neu aufkommenden, jungen Radiosender, die im Zuge der Liberalisierung des Radiomarktes besonders auch im Südwesten der Republik sehr erfolgreich waren. Mit der HR 3 Clubnight wurde ein einmaliges bundesweit innovatives Konzept etabliert, bei dem die erfolgreichsten DJ´s in Hessen, live in der Radiosendung ihre Sets vortrugen. Auch der Privatsender RPR folgte mit einem starken Konzept und startet im Juni 1990 mit der Club-Radiosendung "Maximal". Durch diese Verbreitungskette entstand eine eigene Frankfurter Kategorie, ein eigener "Frankfurter Stil" der Technomusik.

Top-DJ´s wie Torsten Fenslau, DJ Dag und Marc Spoon legten in den Radiosendungen ihre neuesten Lieblings-Vinylscheiben auf und bildeten mit ihrem Set ein "Pflichtprogramm" für DJ´s und Clubbesucher, die Montags nach der Radio-Sendung umgehend die neugespielten Maxi-Viyls in den Plattenläden (z.B. WOM auf der Zeil, Boy Records in Wiesbadener Citypassage und Boy Records in der Frankfurter Klingerstraße sowie im 1991 eröffneten Delirium Record Store in der Töngesgasse.) orderten. Unterstützt wurde diese Community durch die im Rhein-Main-Gebiet entstandenen Technopostillen "Frontpage" und "Groove". Eine große Plattform des Austauschs, gerade unter den DJ´s, waren die Boy Schallplattenläden in Frankfurt/M. und Wiesbaden. Und auch die die Platten-Verlage nahmen den neuen Trend positiv auf: Dass im hessischen beheimatete ZYX-Label wurde zu einem der erfolgreichsten Techno-Verbreiter. Durch die breite der Techno-Kultur im Rhein-Main-Gebiet konnte eine Einheit aus Sound und Community entstehen, die in den Jahren 1989-1993 den Techno in Frankfurt am Main prägte. So entstand ein gemeinsames Lebensgefühl einer ravenden Community fernab von VIP- und Modediktaten.

Erst Ende 1993 überschatteten immer mehr negative Berichte über Drogenexzesse die Techno-Szene. Techno war zur Massenbewegung geworden: Kommerz und Drogen beendeten abrupt die euphorische Gründerphase der Techno-Bewegung. Viele Techno-Protagonisten schwenkten nach und nach auf kommerzielle Produktionen der Euro-Dance-Bewegung um und viele Clubs mussten schließen. Doch Techno dominiert die Popkultur bis heute (Artikel dazu auch im Tagesspiegel vom 28.07.10).

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