20100731

Raveculture history Germany

Warum wurde Frankfurt/M. neben Berlin zu eine der großen Techno-Metropolen? Eine sicherlich berechtigte Frage. Die Antwort ist relativ einfach zu beantworten: Frankfurt/M. war und ist, durch den Flughafen, die kosmopolitische Stadt in Deutschland. Bedingt durch den internationalen Airport, ist man im Rhein-Main Gebiet besonders reisefreudig und hat gute internationale Kontakte. Globale Trends schlagen demnach sehr oft zuerst in Frankfurt/M. auf und verbreiten sich dann ins übrige Bundesgebiet bzw. in ganz Europa. Zudem gab es im Rhein-Main-Gebiet durch die stationierten GI´s viele musikalische Talente, die die vielen Dancefloor-Projekte in Frankfurt/M bereicherten.

Die amerikanische Discowelle schwappte in den 70iger-Jahren auch nach Europa und 1978 eröffnete das Dorian Gray - die internatioal vorzeigbare Flughafendisco in Frankfurt am Main. Pate stand das legendäre Studio 54 in New York. Ende 1989 wurde das "Gray" zur Homebase des Techno-Club und zur Keimzelle von neuen Trends in der elektronischen Musik. Zu dieser Zeit, gab es bereits dem Gray-Technosound begleitend die "Frontpage", die erste Techno-Postille in Deutschland (Erstausgabe Mai 1989 von Jürgen Laarmann an den Start angebracht). Insbesondere Talla 2XLC experimentierte schon lange mit EBM und Techno-Beats - der Techno Club war geboren (der Techno Club wurde bereits 1984 von Talla gelabelt).

Mitte der achtziger Jahre startete der erste private Radiosender in Ludwigshafen - RPR. Nachdem mit Hit Radio FFH ein neuer Sender in Hessen startete, antwortete der Hessische Rundfunk mit einer bis dahin einmaligen und innovativen Radiosendung: am 05.05.1990 war die HR3 Clubnight geboren (am 06.06.1990 zog dann noch RPR mit RPR Maximal nach). Nun war der Nährboden für Techno-Musik in Rhein-Main geschaffen. Es gab noch keine Mikrotrends und kein Internet-Radio. Wer Techno-Musik hören wollte schaltete Samstags die HR3 Clubnight an und mixte sich sein eigenes Tape. Die auflegenden DJ´s wurden schnell popuär (u.a. Sven Väth und der leider viel zu früh gestorbende Torsten Fenslau). Neben der Frontpage etablierte sich mit der Groove ein zweites Dancefloor-Magazin.

Die Techno-Musik spielte nun nicht nur das Dorian Gray, sondern alle Top-Clubs in der Umgebung (Omen, Music-Hall, Airport, Easy, MS Connexion, Stammheim, Extra-Dry etc.). Gleichzeitig gab es immer mehr erfolgreiche DJ´s aus dem Rhein-Main-Gebiet (Dag, Andy Düx, Pascal Feos, R-Damski,Taucher, Marc Spoon, Heinz Felber Uli Brenner etc.), kreative Labels (ZYX, Logic, AMV/Discomania, Boy Records, Muzic Research, Force inc., Abfahrt, Overdrive, Harthouse etc.), entsprechende Plattenläden (Boy Records Wiesbaden, Frankfurt) und erfolgreiche Act´s (Snap, Culture Beat, Off etc. der "Sound of Frankfurt"). Der "Sound of Frankfurt" entstand schließlich, indem die DJ´s der HR3 Clubnight den Sound aussuchten und die Clubs in der Region diesen Sound adaptierten. Wer nicht in der Clubnight gespielt wurde den gab es nicht. Wer in der Clubnight auftauchte, konnte sich sicher sein, dass dieses Vinyl in Rhein-Main nachgefragt wurde. Eine "Vor-Auswahl" des Vinyls wie im Hard Wax, Berlin gab es nicht, bzw. der Filter war hier nicht der Plattenladen, sondern die HR Clubnight.

Sicherlich es gab auch in Deutschland andere Techno-Zentren mit den DJ-Produzenten Caba Kroll (Bass Bumpers)der im 1986 eröffneten, bahnbrechenden Laserpalast Tarm Center in Bochum/Rombacher Hütte auflegte, Jens Lissat (zusammen mit dem Erfolgsproduzenten Ramon Zenker auch Mitglied bei Interactive) mit der Königsburg (gegr. 17.12.87 siehe "History" auf der Königsburg-Webseite) in Krefeld, die Szene in Düsseldorf mit dem Ratinger Hof und dem temporären "Macht der Nacht Zelt" von DJ Westbam, Uwe Hacker (Select Midi) mit dem Perkins Park in Stuttgart (dem Schwesterclub vom Gray), Boris Dlugosch mit dem Front im houseorientierten Hamburg, Mate Galic mit dem Warehouse/Space Club in Köln, DJ Lupo mit dem P1 in München, DJ Hell, und einzelne Partys im Parkcafe, Nachtwerk und Babalu (erst 1994 bekam M einen festen Techno Club mit dem Ultraschall) und Berlin mit der Loveparade, Top-DJ´s wie Westbam (und dem Cult-Label Low Spirit), dem rührigen, 1989 eröffneten, Hardwax-Laden und unzähligen Clubs wie dem Tresor, Walfisch und E-Werk. Aber keine Stadt wie Frankfurt/M. hatte zu dieser Zeit einen solchen kreativen Output und war so gut vernetzt wie die Macher im Rhein-Main Gebiet. Michael Münzing war z.B. nicht nur Produzent von SNAP, Mitinhaber vom Logic Label (u.a. Off), sondern auch Mitbesitzer des Technotempel Omen. Die Verwertungskette von Produktion, Vertrieb und Vermarktung war perfekt! Frankfurt/M. war somit 1989 bis 1993 eine der wichtigsten Geburtsstätten des Techno!

Noch eine kleine Betrachtung zum Wettstreit der "Techno-Hauptstadt Berlin vs. FFM":
Anfang der neunziger Jahre tobte ein Wettbewerb zwischen Berlin und Frankfurt/M. um den Titel der "Techno-Hauptstadt" in Deutschland. Wer sich die Szene vor Ort anschaute, dem wurde schnell klar dass hier Äpfel mit Birnen verglichen wurden. Während in Berlin, bevorzugt durch unendlich viele coole Kellerlocations alles eine Spur "undergroundiger" und der Musikstil hart, schnell und laut war, wurde in Frankfurt mehr Wert gelegt auf dancefloor und partyorientierten, tanzbaren Techno und Agreppo. In Frankfurt beschränkte sich die Auswahl auf wenige Top-Clubs (Gray, Omen, XS...). Trotzdem konnte man Berlin und Frankfurt zu gleichen Maßen als "Techno-Mekkka" bezeichnen. Aus ganz Deutschland und teilweise dem angrenzenden Europa pilgerten die Technojünger an die Wirkungsstätten von Westbam, Väth & Co. - doch die Freiräume waren in Berlin ungleich größer.

Nach dem Techno-Boom war die kurze aber intensive Blüte musikalische Hauptstadt von Deutschland zu sein in Frankfurt/M. vorbei. Berlin blieb auch nach dem Techno-Boom die kreative Hauptstadt von Deutschland und viele Protagonisten der Franfurter Dancefloorszene verlegten nach und nach ihren Wohnsitz und Arbeitsschwerpunkt an die Spree. Infos zur Berliner Clubhistory
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